KategorieGlockenlärm

Lärmumfrage Trogen 2016

 Einführung

Geräusche, welche störend, belastend oder schädigend sind, werden als Lärm bezeichnet. Das Wort wird von Alarm abgeleitet, welches seinerseits auf all’arme „zu den Waffen“ zurückgeht. Lärm führt zu Stress und Aggression sowie zu Gesundheitsschädigungen wie Erkrankungen des Nerven- und des Herz-Kreislauf-Systems. Das betrifft auch Menschen, welche Lärm nicht mehr bewusst wahrnehmen, weil Lärm auch in diesen Fällen – trotz scheinbarer Gewöhnung – weiter auf Psyche und Körper wirkt. Die vorliegende Umfrage ist die vierte Lärmumfrage der IG Stiller. Die erste Umfrage fand 2003 ebenfalls in Trogen statt.

Methode

Ende August 2016 erhielten alle Haushaltungen von Trogen (821) einen Fragebogen. Dieser richtete sich an diejenigen, welche zu Hause durch Lärm gestört werden. Die Angaben konnten für verschiedene Lärmarten in drei Stufen angegeben werden: 1 (wenig), 2 (mittel) und 3 (stark).

Resultate

Bis Anfang Oktober 2016 sind 68 Rückmeldungen eingegangen. 56 Rückmeldungen konnten in die Auswertung einbezogen werden. Strassenlärm verursacht am meisten Störungen. Keine andere Lärmart stört tagsüber auch nur annähernd so stark wie Strassenlärm. Speziell störend sind laute Motorräder und vermeidbarer Strassenlärm wie hochtourige Fahrweise, Aufheulen lassen des Motors oder laute Musik. Weitere wichtige Lärmquellen während dem Tag sind Flugverkehr  und „Gewerbe/Land­wirtschaft“. In der Nacht fallen neben Strassenlärm speziell Fluglärm und Herdengeläut auf. Bei einer gewerteten Auswertung, wenn alle leichten Störungen mit 1, die mittleren mit 2 und die starken mit 3 gewertet werden, ergibt sich eine ähnliche Rangordnung. Strassenlärm steht auch bei dieser Auswertung auf dem ersten Platz – am Tag mit 91 Pun­k­ten in der Nacht mit 66 Punkten. Den zweiten Platz teilen sich am Tag Flugverkehr und Gewerbe/Landwirtschaft mit je 37 Punkten – in der Nacht Flug­ver­­kehr und Herdengeläut mit je 41 Punkten. Weitere Störquellen mit mehr als 20 Punkten sind Veranstaltungen, Hundegebell und Nachbarn sowie Kirchen­glocken nachts. 

Diskussion

Die Lärmempfindlichkeit der Menschen variiert stark. Während die einen zum Beispiel auch mit Geräuschen von 60 dB nur schwer geweckt werden können, erwachen andere schon leicht wegen Geräuschen von 40 dB. Unabhängig von dieser Empfindlichkeit kann Lärm nicht nur Stress und Aggression sondern auch Krankheiten und Todesfälle verursachen. So wurde berechnet, dass durch Verkehrslärm schweizweit jährlich knapp 1800 beschwerdefreie Lebensjahre verloren gehen – 85% durch Todesfälle und 15% durch Krankheitsfälle (BAFU: Auswirkungen des Verkehrslärms auf die Gesundheit. Schlussbericht. 22. April 2014).

Speziell störend am Strassenlärm sind laute Motorräder und vermeidbarer Strassenlärm wie hochtourige Fahrweise, Aufheulen lassen des Motors oder laute Musik. Vermeidbarer Lärm ist durch das Strassenver­kehrs­gesetz geregelt: „Der Fahrzeugführer hat jede vermeidbare Belästigung von Strassenbenützern und Anwohnern, namentlich durch Lärm, Staub, Rauch und Geruch, zu unterlassen …. Der Betrieb von Lautsprechern an Motorfahrzeugen ist untersagt… “. Speziell geschützt sind die Ruhezeiten: „Fahrzeugführer, Mitfahrende und Hilfspersonen dürfen, namentlich in Wohn- und Erholungsge­bieten und nachts, keinen vermeidbaren Lärm erzeugen“ (Verkehrsregelverord­nung). „Wer mut­willig durch Lärm die Nachtruhe stört, wer in grober Weise die Ruhe an Sonn- und Feiertagen stört, wird mit Busse bestraft“ (kantonales Strafrecht). Im Gegensatz zum Kanton St. Gallen, welcher immerhin mit Plakaten auf das Problem vermeidbarer Strassenlärm aufmerksam macht, konnten in Ausserrho­den bisher keine entsprechenden Massnahmen festgestellt werden. Die IG Stiller fordert ein Verbot der Verwendung lauter Motorfahrzeuge während der Ruhezeiten – analog wie für Lastwagen. Heute stehen mit Elektro-Motorräder und Elektro-Fahrrädern ruhigere Alternative zur Verfügung.   

Eigentlich gibt es in der Ostschweiz keinen Fluglärm da der Grenzwerte von 60 dB kaum überschritten wird. Der Grenzwert entspricht allerdings nicht dem Stand der Wissenschaft sondern ist ein politisch festgelegter Wert. Auch beim Fluglärm muss aber schon bei unter 40 dB mit Aufwachreaktionen gerechnet werden. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil die Nachtflug-Sperre von 23-6 Uhr nicht eingehalten wird. Speziell zwischen 23-24 Uhr starten und landen regelmässig Flugzeuge in Kloten. Grund dafür ist meist der Abbau von Verspätungen, die tagsüber aufgebaut werden. Die IG Stiller fordert Nachtruhe ab 22 Uhr – auch für Fluglärm und auch für die Ostschweiz.

Arbeitslärm von Gewerbe, Landwirtschaft und Baustellen lassen sich nur teilweise vermeiden. Vorschriften zur Lärmvermeidung und Ruhezeiten (12-13 Uhr und 19-7 Uhr) könnten aber besser eingehalten werden. Wenn der Radio auf Baustellen zum Beispiel mehr Lärm macht wie die Arbeit ist das nicht im Sinne der Baulärm-Richtlinie.

Herdengeläut muss im Siedlungsgebiet tagsüber toleriert werden – nicht aber in der Nacht, wie das Bundes­gericht schon vor 100 Jahren festgestellt hat: „Das Interesse des Klägers, auf seiner Liegenschaft zur Nachtzeit Vieh mit Glockengeläute Weiden zu lassen, kann nur als eine Liebhaberei betrachtet werden“. Denn der von ihm für die Notwendigkeit des Herdengeläutes in erster Linie angeführte Grund, die leichtere Überwachung des Viehs, falle von vornherein ausser Betracht, weil die Weide eingefriedigt sei. 1975 bestätigte das Gericht diese Einschätzung: „…doch wird der Beklagte ein nächtliches Durchbrennen eines Tieres auch dann nicht ohne weiteres bemerken, wenn dieses eine Glocke trägt.“ Wegen der dichten Besiedelung könne ein durchgebranntes Tier leicht aufgefunden werden. Ergänzt werden könnte, dass Besitzer der im Dorf weidenender Kälber die Schellen zu Hause gar nicht hören, weil sie weit weg ausserhalb des Dorfes leben. In Ausserrhoden wurde 2013 vom Obergericht festgestellt, dass bei Lärm­klagen betreffend Herdengeläut die Gemeinde zuständig ist (O4V 12 14). Dank dieser Entscheidung sind keine zivilrechtlichen Prozesse mehr nötig. Wer von nächtlichem Herdengeläut gestört wird, kann sich auf das Umweltschutzgesetz und die die Lärmschutzverord­nung berufen und sich bei der Gemeinde­verwaltung melden.

Grundlage für den Umgang mit Nachbarn ist das Zivilgesetzbuch: „Jedermann ist verpflichtet, bei der Ausübung seines Eigentums, wie namentlich bei dem Betrieb eines Gewerbes auf seinem Grundstück, sich aller übermässigen Einwirkung auf das Eigentum der Nachbarn zu enthalten. Verboten sind insbesondere alle schädlichen und nach Lage und Beschaffenheit der Grundstücke oder nach Ortsgebrauch nicht gerechtfertigten Einwirkungen durch Luftverunreinigung, üblen Geruch, Lärm, Schall, Erschütterung, Strahlung oder durch den Entzug von Besonnung oder Tageslicht.“ Ein Hunde­halter zum Beispiel hat dafür sorgen, dass das Gebell seines Hundes die Nachbarn nachts nicht und tagsüber höchstens wenig stört.

Dass die Einwohner im Zentrum gelegentlich von Veranstaltungen gestört werden ist verständlich. Es darf allerdings erwartet werden, dass laute Veranstaltungen nur selten und maximal bis Mitternacht genehmigt werden. Daneben führen auch ungenehmigte Veranstaltungen in der Peripherie unseres Dorfes immer wieder zu starken Störungen. Diese müssen nicht akzeptiert werden.

Unter „anderem Lärm“ wurden folgende Störungen mehrfach erwähnt: Starke Störungen wegen nächtlicher Knallerei. Das neue Phänomen der nächtlichen Knallerei wird nicht nur in Trogen beobachtet. Als speziell ärgerlichen Lärm wurden Laubbläser erwähnt. Als leichte Störungen wurden mehrfach erwähnt: Lüftungen, Heizungen und Klimaanlagen.

Die Beteiligung war 2003 mit 88 auswertbaren Rückmeldungen deutlich höher als 2016. Bei der Umfrage von 2003 hatte nächtlicher Kirchenglockenlärm eine wichtige Stellung eingenommen. Dank der in Trogen getroffenen Massnahmen konnten „die nachts stark gestörten“ von 20 % auf 4 % vermindert werden. Zwei weiter bestehende starke Störungen durch Kirchenglocken betreffen das Morgenläuten. Herdengeläut ist bei der Umfrage von 2003 nicht gross aufgefallen. Grund für die andere Beurteilung ist wohl der Zeitpunkt der Umfragen – diejenige von 2003 erfolgte im Winter, diejenige von 2016 im Herbst.

Zusammenfassung

Das grösste Lärmproblem ist der Strassenlärm. Er ist am Tag und in der Nacht für die meisten Störungen verantwortlich. Speziell störend sind laute Motorfahrzeuge wie Motorräder und vermeidbarer Strassenlärm wie hochtourige Fahrweise, Aufheulen lassen des Motors oder laute Musik. Der zweite Platz für Fluglärm in dieser Umfrage zeigt einmal mehr, dass dieser Lärm auch in der Ostschweiz von Bedeutung ist. Speziell störend ist nächtlicher Fluglärm. Leider wird von Seiten des Staates nichts gegen laute Motorräder oder nächtlichen Fluglärm unternommen und beim vermeidbaren Strassenlärm werden die bestehenden Regeln nur selten durchgesetzt. Auf dem dritten Platz liegt am Tag der grösstenteils rationale Lärm von Gewerbe und Landwirtschaft – in der Nacht hingegen der irrationale Lärm „Liebha­be­rei Herdengeläut“. Dank einer rationalen Entscheidung des Ausserrhoder Obergerichtes können sich Betroffene neuerdings viel einfacher gegen diesen Lärm wehren.

Die IG Stiller fordert Nachtruhe ab 22 Uhr – auch für Fluglärm und auch für die Ostschweiz, ein Verbot der Verwendung lauter Motorfahrzeuge während der Ruhezeiten – analog wie für Lastwagen sowie die Durchsetzung der Vorschriften gegen vermeidbaren Strassenlärm.

Resultate-Tabelle:  tabelle

Graphik: graphik

Zu grosse Glocken in der Ostschweiz

Übermässig instrumentalisiert

Im August hat die IG Stiller drei Bilder von weidenden Rindern mit grossen Glocken (Treicheln) publiziert und die Fälle den Veterinärämtern von St. Gallen und Appenzell zur Prüfung vorgelegt. Das Veterinäramt St.Gallen hat unser Anliegen – nach Prüfung seines Falles – ans entsprechende Bundesamt weitergeleitet: „Da ja nicht nur St. Galler Landwirte Kühe mit kleineren und grösseren Glocken versehen, habe ich Ihr Schreiben an das BLV nach Bern zur Beurteilung von etwelcher Tierquälerei und Verletzung der Würde des Tieres geschickt.“

Wir haben in der Folge dem Bundesamt die Gründe dargelegt, weshalb grosse Glocken fürs Weiden verboten werden sollten. Basis des Gesuches ans Bundesamt waren die aktuelle Studie zu Tierglocken, das Tierschutzgesetz und Punkt 15 des „Tierschutz-Kontrollhandbuch Rinder“, welcher nur erfüllt werden kann, wenn „Rinder nicht über längere Zeit übermässigem Lärm ausgesetzt sind.“

Hintergrund für diese Aktion war die viel gelesene Behauptung, dass Glocken – von der Grösse wie sie für die Studie zu Tierglocken verwendet wurden – nur für Alpauf und -abzug verwendet würden. Mit den publizierten Bildern haben wir gezeigt, dass einzelne Landwirte den Rindern zum Weiden sogar noch grössere Glocken anziehen.

Solch grosse Glocken können bei längerfristigem Tragen Schürfwunden verursachen. Die letzten zwei Bilder aus dem Jahr 2005 zeigen einen solchen Fall. Da diese grosse Glocke auch im Winter aus dem Stall gehört werden konnte, muss vermutet werden, dass die Bio-Suisse Kuh die Glocke Tag und Nacht, Sommer und Winter tragen muss.

Kürzlich beantwortete das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinär- wesen das Gesuch der IG Stiller um Verbot grosser und lauter Glocken fürs Weiden. Das Bundesamt sieht keinen Handlungsbedarf. Allenfalls könnten weitere Studien – über eine längere Zeit und mit anderer Fragestellung diese Beurteilung ändern.

Auch die Veterinärämter von St.Gallen und Appenzell sehen nach Kontrolle der drei Fälle keinen Handlungsbedarf. Solange beim Tragen solcher Glocken keine Wunden auftreten, können die Glocken aus Sicht der Veterinärämter akzeptiert werden. Dazu das Schreiben aus Herisau: „Eine amtliche Tierärztin hat beide Tierhaltungen im Kanton Appenzell Ausserrhoden unangemeldet und zeitnah zu Ihrer Meldung besucht und eine Beurteilung der Tiere gemäss den heute geltenden Tierschutz-vorgaben vorgenommen. Insbesondere wurden die Tiere auf Schürfwunden und Verletzungen im Halsbereich untersucht. Dabei konnte nichts festgestellt werden.“

Die Beurteilung durch die Veterinärämter ist bedauerlich und nicht nachvollziehbar. Die Tiere werden bei der Nahrungsaufnahme offensichtlich behindert. Selbst wenn die Tiere keine Schürfwunden haben, werden sie doch übermässig instrumentalisiert. Glocken von dieser Grösse verletzen die Würde und vermindern das Wohlergehen im Sinne des Tierschutzgesetzes.

Würde: Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird;
Wohlergehen: Wohlergehen der Tiere ist namentlich gegeben, wenn: 1. die Haltung und Ernährung so sind, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht gestört sind und sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert sind…
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20022103/index.html

Anbei Bilder von Ende Juli 2015 aus Trogen (1), Speicher (2) und St.Gallen (3), respektive von Mitte August 2015 aus Brülisau (4, 5).  Die Kühe der ersten drei Bilder wurden unterdessen amtlich geprüft.

Hier die Berichterstattung der SDA im Blick: http://www.blick.ch/news/schweiz/tierschutz-ig-stiller-will-kuehe-von-glocken-befreien-behoerden-winken-ab-id4158677.html

19.8.15

 

kuh bruderbachtal 29 juli 2015 kuh allmenweg 30 juli 2015kuh notkersegg 31 juli 2015

am Fusse des Hohen Kastens 220815 II am Fusse des Hohen Kastens 220815 Kopie

Bild 2 offene Wundekuh 1 Kopie

Nächtlicher Zeitschlag auf Rückzug

dom korr

Mit dem Verzicht auf den nächtlichen Zeitschlag erfüllen immer mehr Kirchgemeinden eine zentrale Forderungen der IG Stiller. Die neueste Meldung kommt aus Zug, wo in der Stadt gleich zwei Kirchen den nächtlichen Zeitschlag abgestellt haben. Berichte aus Bern und Zürich aus dem Jahr 2014 bestätigen diesen Trend. In Winterthur setzen die katholischen Kirchen seit 2013 den Zeitschlag nachts aus und auch in St. Gallen kommen die Hälfte der städtischen Kirchen ohne nächtlichen Zeitschlag aus.

Im Nachklang zu den beiden juristischen Prozessen gegen den nächtlicher Zeitschlag von Trogen und Gossau ZH, ist es in der Schweiz zu einem Umdenken gekommen. Interessanterweise trotz des Misserfolges von Gossau ZH, wo es nach damaliger Beurteilung nur knapp zu laut war und die Kirche keine Massnahmen ergreifen musste. Einen wesentlichen Beitrag zum Meinungsumschwung hatte eine Studie der ETH geleistet. In dieser wurde der Einfluss des Zeitschlages auf den Schlaf wissenschaftlich untersucht [1]. Damit wurde der alte Richtwert für Kirchenglockenlärm von 60 dB – nach welchem die Fälle Trogen und Gossau ZH beurteilt wurden – ausser Kraft gesetzt. Neue Prozesse müssen nach der neuen Methode beurteilt werden, bei welcher die Anzahl Aufwachreaktionen bei Anwohnern aufgrund von Lärmmessungen berechnet werden. 2006 hatte die IG Stiller eine Überprüfung des alten Richtwertes beim BUWAL angemahnt [2].

Das Umdenken in Bezug auf den Zeitschlag hat dazu geführt, dass Kirchgemeinden von sich aus den nächtlichen Zeitschlag abstellen oder einschränken. Rund die Hälfte der Kirchen in den deutschschweizer Ballungszentren verzichten ganz auf nächtlichen Zeitschlag. Im Kanton Zürich sind es eher die Katholischen im Kanton St.Gallen eher die Reformierten, welche die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Dazu folgende Berichte:

  • Aus Zug berichtete kürzlich die Luzerner Zeitung: „Immer mehr Kirchenglocken verstummen des Nachts. Grund: Für viele Anwohner ist der Stundenschlag offenbar eine Lärmbelästigung. Auch im Kanton Zug schweigen zahlreiche Kirchtürme nachts. In der Stadt Zug etwa erklingen die Glocken der Kirchen Gut Hirt und St. Johannes abends um 22 Uhr zum letzten Mal und dann ab 6 Uhr wieder. Die Kirchen St. Oswald, Bruder Klaus in Oberwil und St. Michael schlagen in dieser Zeit nur zur vollen Stunde. Auch in Baar und Rotkreuz sind nachts keine Glocken zu hören.“ [3]
  • Bereits 2014 berichtete ein entrüsteter Berner Blogger im Bund „Anwohner und Interessengemeinschaften wollen dem nächtlichen Stundengeläut der Kirchenglocken den Garaus machen. In der Länggasse ist es bereits passiert. Auch in Bethlehem, im Wankdorf und im Kirchenfeld. Und nun soll es auch in Worb geschehen: Man will die Kirche nicht länger im Dorf lassen, oder zumindest das Glockenläuten zum Stundenschlag aussetzen. ……“ [4]
  • Aus Zürich berichtete der Tagesanzeiger 2014 unter dem Titel „Heiliger Bimbam ruht“, „Nun kommt seit einiger Zeit Bewegung ins nächtliche Läuten…. Laut TA-Recherchen haben bereits 15 von 34 reformierten Kirchgemeinden ihren Kirchenglocken Nachtruhe auferlegt. Bei den katholischen Gotteshäusern sind es gar 16 von 24.“ [5]
  • Winterthur: Immerhin die katholischen Kirchen verzichten seit 2013 auf nächtlichen Zeitschlag. „Ab 22 Uhr werden künftig die Glocken aller katholischen Kirchen in Winterthur schweigen und damit die nächtlichen Stunden- respektive Viertelstundenschläge abgestellt.“ [6]
  • Aus der Stadt St.Gallen berichtete das Tagblatt unter dem Titel „Wo nachts die Glocken schweigen“ schon 2010: „Die IG Stiller und die Kirchgemeinden streiten sich um den nächtlichen Glockenschlag. Ein Blick in die Gallusstadt zeigt derweil, dass es neben rund der Hälfte aller Kirchen in der Nacht ruhig ist.“ [7]

Quellen:
[1] z.B. http://www.nzz.ch/glocken-stoeren-staerker-als-bisher-angenommen-1.10703771

[2] http://www.nachtruhe.info/news/pressemitteilung-ig-stiller-juli-2006.xhtml

[3] https://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/zg/abo/Weitere-Glocken-verstummen;art9648,553539

[4] http://blog.derbund.ch/hauptstaedter/index.php/9950/glockenlaeuten-fuers-gemuet/

[5] http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Heiliger-Bimbam-ruht/story/21613806

[6] http://www.zh.kath.ch/news/news-archiv/winterthur

[7] http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/stgallen/stadtstgallen/tb-ag/Wo-nachts-die-Glocken-schweigen;art197,1582960

Messe in Reutte wegen Glockenlärm gestürmt

Das Glockengeläute der evangelischen Kirche in Reutte bringt einen Mann aus der Nachbarschaft in Rage. Zweimal drang der Deutsche während des Gottesdienstes in die Kirche ein und schrie Pfarrer Stieger an.

Reutte – Neuerdings begeben sich die Mitglieder der evangelischen Pfarrgemeinde in Reutte beim sonntäglichen Gottesdienst in Klausur. Sie sperren sich während der Messe in ihrer Kirche in der Albert-Schweitzer-Straße ein – mehr oder weniger unfreiwillig. So wollen sie sich vor ungebetenem Besuch schützen. Eine Vorsichtsmaßnahme, wie Pfarrer Mathias Stieger bestätigt. Denn schon zweimal ist ein Mann aus der Nachbarschaft während der Messfeier in die Kirche eingedrungen und hat dort laut um sich zu schreien begonnen. Er verlangte, das Läuten der Glocken umgehend einzustellen.

tieger: „Wir haben Kinder und ältere Personen im Gottesdienst. Und müssen uns irgendwie schützen.“ Der Wütende war bei seinem letzten Auftritt laut Stieger auch nicht zu bewegen, das Gotteshaus zu verlassen. Erst vier junge Männer konnten ihn hemdsärmelig „überzeugen“, Kirche und Grundstück wieder zu verlassen.

Die evangelische Pfarrgemeinde in Reutte läutet ihr Glockenwerk – außer zu besonderen Anlässen wie Feiertagen oder Beerdigungen – nur zweimal fünf Minuten am Sonntag gegen zehn Uhr Vormittag. „Und außergewöhnliche Anlässe gibt es bei uns sehr selten. Wir sind eine kleine Gemeinde“, erklärt der evangelische Theologe auf TT-Anfrage. Er kann sich deshalb eine wirkliche Belästigung nicht vorstellen.

Der vom Lärm Gestörte, der erst vor einem Jahr in die Nähe der Kirche gezogen ist, geht auch rigoros gegen Kirchgänger vor, die falsch parken. Er zeigt sie bei der Reuttener Polizei an, die wiederum Strafen ausstellt. Seit dem Bau der evangelischen Dreieinigkeitskirche Reutte im Jahr 1958 war es Usus, bei gutem Messbesuch im ruhigen Wohngebiet rund um die Kirche auch am Straßenrand zu parken. Pfarrer Stieger musste nun erkennen, dass dies nicht erlaubt ist und in dieser Frage eine andere Lösung gefunden werden muss.

Auch in der nur 200 Meter entfernten katholischen Pfarrkirche Breitenwang geht die Polizei in letzter Zeit auf Grund von Anzeigen verstärkt gegen Wildparker auf Gehsteigen vor. Pardon gibt es dabei für niemanden. Dazu Bezirkspolizeichef Egon Loren­z: „Es gibt nun einmal eine Straßenverkehrsordnung. Und wir können ja nicht sagen, wir strafen am Sonntag nicht.“ Ein klares Statement gibt der oberste Außerferner Polizist zur angeblichen Lärmbelästigung ab. „Ja, es hat eine Anzeige wegen Lärmstörung gegeben. Wir haben sie niedergelegt. Denn nach dem Landespolizeigesetz fällt die Beschallung durch Kirchenglocken nicht unter ungebührlichen Lärm.“ Und fügt schmunzelnd „im heiligen Land Tirol“ dazu.

Die Problematik rund um das Glockengeläute der evangelischen Kirche entbehrt trotzdem jeglichen Spaßfaktors. Ein polizeiliches Schlichtungsgespräch konnte keine Entspannung der Lage bringen. Pfarrer Mathias Stieger fühlt sich und seine Familie, die am gleichen Anwesen wohnt, nach einer persönlichen Aussprache bedroht und hat Anzeige erstattet. Polizei und Bezirkshauptmannschaft sind eingeschaltet. Stieger: „Klar gibt es eine individuelle Freiheit, aber auch den Schutz einer Religionsgemeinschaft, die sich gestört und bedroht fühlt.“

Laut dem Reuttener Anwalt Christian Pichler gibt es in Österreich zur Kirchenglockenproblematik derzeit keine aktuelle Entscheidung. Ein möglicherweise richtungsweisendes Verfahren sei aber in Oberösterreich anhängig. Für den Juristen gilt aber in jedem Fall der Grundsatz: „Die Kirche war zuerst da!“

Der „Glockengenervte“ selbst war trotz mehrfacher Kontaktversuche der Tiroler Tageszeitung am Donnerstag nicht zu erreichen.

Quelle: Von Helmut Mittermayr. Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.05.2015 (http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/10075035-91/messe-wegen-glockenl%C3%A4rm-gest%C3%BCrmt.csp)

 

Kommentar: Lärm macht aggressiv. Speziell betroffen sind Lärmsensible. Lärm beeinträchtigt unser Denken. Max Frisch hat dies folgermassen beschrieben: Das Geläute ihres Münsters, ein metallisches Dröhnen, das zweimal täglich losbricht, mindestens zweimal, wenn nicht Hochzeiten und Begräbnisse hinzukommen, ein Lärm, daß man seine eignen Gedanken nicht mehr hört, ein Zittern der Luft, ein klangloses Beben, ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist, es macht mich taub, schwindlig, idiotisch;…

Zwar geniesst kultisches Läuten einen weit höheren Schutz wie kultloses Läuten oder der Zeitschlag. Das heisst aber nicht, dass Gerichte nicht Dauer oder Lautstärke eines kultischen Läutens einschränken können. Die IG Stiller empfiehlt die kultischen Läuten pro Anlass nicht länger wie 5 Minuten dauern zu lassen.

Natürlich wäre es cooler, wenn der Mann würdevoll glockenläutend in die Messe gegangen wäre – anstatt den Pfarrer einfach anzuschreien. Aber unter Lärm reagieren wir Lärmsensiblen nicht immer rational.

 

Lärm erhöht Mortalität koronarer Herzkrankheit um 22 %

110 frühzeitige Todesfälle pro Jahr durch Strassenlärm

22 durch Kirchenglockenlärm?

Lärm kann über das Gehör die Gesundheit insgesamt beeinträchtigen. An Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Lärm ist der zweitgrösste, die Krankheitslast vergrössernde Umweltfaktor (nach Luftverschmutzung) [1].

Lärm kann die Mortalität koronarer Herzkrankheiten bis zu 22 % erhöhen [2]. Gemäss älteren Berechnungen ergeben sich für die Schweiz 110 frühzeitige Todesfälle durch den Strassenlärm pro Jahr [3]. Unter der Annahme, dass sich 50 % der Einwohnern der Schweiz an Strassenlärm stören und 10 % an Kirchenglocken, kann abgeschätzt werden, dass der Lärm von Kirchenglocken 22 frühzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht.

Natürlich ist das grob vereinfacht. Verfeinerte Analysen werden vielleicht zu anderen Zahlen kommen, aber es wird sich bestätigen, das Lärm von Kirchenglocken für den einen oder anderen Todesfall verantwortlich ist.

Wie beim Asbest braucht es einige Zeit, bis aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen werden. Vielleicht kommt es auch beim Kirchenglockenlärm eines Tages zu Klagen gegen Verantwortlichen von heute.

Quellen:

[1] Wikipedia „Lärm“ 17.01.15

[2] Association of Long-term Exposure to Community Noise and Traffic-related Air
Pollution With Coronary Heart Disease Mortality (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22491084)

[3] Externe Kosten des Verkehrs in der Schweiz. Aktualisierung für das Jahr 2005 mit Bandbreiten. Bundesamt für Raumplanung, Bundesamt für Umwelt. Schlussbericht.

 

 

 

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