KategorieGlockenlärm

Nächtlicher Zeitschlag auf Rückzug

dom korr

Mit dem Verzicht auf den nächtlichen Zeitschlag erfüllen immer mehr Kirchgemeinden eine zentrale Forderungen der IG Stiller. Die neueste Meldung kommt aus Zug, wo in der Stadt gleich zwei Kirchen den nächtlichen Zeitschlag abgestellt haben. Berichte aus Bern und Zürich aus dem Jahr 2014 bestätigen diesen Trend. In Winterthur setzen die katholischen Kirchen seit 2013 den Zeitschlag nachts aus und auch in St. Gallen kommen die Hälfte der städtischen Kirchen ohne nächtlichen Zeitschlag aus.

Im Nachklang zu den beiden juristischen Prozessen gegen den nächtlicher Zeitschlag von Trogen und Gossau ZH, ist es in der Schweiz zu einem Umdenken gekommen. Interessanterweise trotz des Misserfolges von Gossau ZH, wo es nach damaliger Beurteilung nur knapp zu laut war und die Kirche keine Massnahmen ergreifen musste. Einen wesentlichen Beitrag zum Meinungsumschwung hatte eine Studie der ETH geleistet. In dieser wurde der Einfluss des Zeitschlages auf den Schlaf wissenschaftlich untersucht [1]. Damit wurde der alte Richtwert für Kirchenglockenlärm von 60 dB – nach welchem die Fälle Trogen und Gossau ZH beurteilt wurden – ausser Kraft gesetzt. Neue Prozesse müssen nach der neuen Methode beurteilt werden, bei welcher die Anzahl Aufwachreaktionen bei Anwohnern aufgrund von Lärmmessungen berechnet werden. 2006 hatte die IG Stiller eine Überprüfung des alten Richtwertes beim BUWAL angemahnt [2].

Das Umdenken in Bezug auf den Zeitschlag hat dazu geführt, dass Kirchgemeinden von sich aus den nächtlichen Zeitschlag abstellen oder einschränken. Rund die Hälfte der Kirchen in den deutschschweizer Ballungszentren verzichten ganz auf nächtlichen Zeitschlag. Im Kanton Zürich sind es eher die Katholischen im Kanton St.Gallen eher die Reformierten, welche die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Dazu folgende Berichte:

  • Aus Zug berichtete kürzlich die Luzerner Zeitung: „Immer mehr Kirchenglocken verstummen des Nachts. Grund: Für viele Anwohner ist der Stundenschlag offenbar eine Lärmbelästigung. Auch im Kanton Zug schweigen zahlreiche Kirchtürme nachts. In der Stadt Zug etwa erklingen die Glocken der Kirchen Gut Hirt und St. Johannes abends um 22 Uhr zum letzten Mal und dann ab 6 Uhr wieder. Die Kirchen St. Oswald, Bruder Klaus in Oberwil und St. Michael schlagen in dieser Zeit nur zur vollen Stunde. Auch in Baar und Rotkreuz sind nachts keine Glocken zu hören.“ [3]
  • Bereits 2014 berichtete ein entrüsteter Berner Blogger im Bund „Anwohner und Interessengemeinschaften wollen dem nächtlichen Stundengeläut der Kirchenglocken den Garaus machen. In der Länggasse ist es bereits passiert. Auch in Bethlehem, im Wankdorf und im Kirchenfeld. Und nun soll es auch in Worb geschehen: Man will die Kirche nicht länger im Dorf lassen, oder zumindest das Glockenläuten zum Stundenschlag aussetzen. ……“ [4]
  • Aus Zürich berichtete der Tagesanzeiger 2014 unter dem Titel „Heiliger Bimbam ruht“, „Nun kommt seit einiger Zeit Bewegung ins nächtliche Läuten…. Laut TA-Recherchen haben bereits 15 von 34 reformierten Kirchgemeinden ihren Kirchenglocken Nachtruhe auferlegt. Bei den katholischen Gotteshäusern sind es gar 16 von 24.“ [5]
  • Winterthur: Immerhin die katholischen Kirchen verzichten seit 2013 auf nächtlichen Zeitschlag. „Ab 22 Uhr werden künftig die Glocken aller katholischen Kirchen in Winterthur schweigen und damit die nächtlichen Stunden- respektive Viertelstundenschläge abgestellt.“ [6]
  • Aus der Stadt St.Gallen berichtete das Tagblatt unter dem Titel „Wo nachts die Glocken schweigen“ schon 2010: „Die IG Stiller und die Kirchgemeinden streiten sich um den nächtlichen Glockenschlag. Ein Blick in die Gallusstadt zeigt derweil, dass es neben rund der Hälfte aller Kirchen in der Nacht ruhig ist.“ [7]

Quellen:
[1] z.B. http://www.nzz.ch/glocken-stoeren-staerker-als-bisher-angenommen-1.10703771

[2] http://www.nachtruhe.info/news/pressemitteilung-ig-stiller-juli-2006.xhtml

[3] https://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/zg/abo/Weitere-Glocken-verstummen;art9648,553539

[4] http://blog.derbund.ch/hauptstaedter/index.php/9950/glockenlaeuten-fuers-gemuet/

[5] http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Heiliger-Bimbam-ruht/story/21613806

[6] http://www.zh.kath.ch/news/news-archiv/winterthur

[7] http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/stgallen/stadtstgallen/tb-ag/Wo-nachts-die-Glocken-schweigen;art197,1582960

Messe in Reutte wegen Glockenlärm gestürmt

Das Glockengeläute der evangelischen Kirche in Reutte bringt einen Mann aus der Nachbarschaft in Rage. Zweimal drang der Deutsche während des Gottesdienstes in die Kirche ein und schrie Pfarrer Stieger an.

Reutte – Neuerdings begeben sich die Mitglieder der evangelischen Pfarrgemeinde in Reutte beim sonntäglichen Gottesdienst in Klausur. Sie sperren sich während der Messe in ihrer Kirche in der Albert-Schweitzer-Straße ein – mehr oder weniger unfreiwillig. So wollen sie sich vor ungebetenem Besuch schützen. Eine Vorsichtsmaßnahme, wie Pfarrer Mathias Stieger bestätigt. Denn schon zweimal ist ein Mann aus der Nachbarschaft während der Messfeier in die Kirche eingedrungen und hat dort laut um sich zu schreien begonnen. Er verlangte, das Läuten der Glocken umgehend einzustellen.

tieger: „Wir haben Kinder und ältere Personen im Gottesdienst. Und müssen uns irgendwie schützen.“ Der Wütende war bei seinem letzten Auftritt laut Stieger auch nicht zu bewegen, das Gotteshaus zu verlassen. Erst vier junge Männer konnten ihn hemdsärmelig „überzeugen“, Kirche und Grundstück wieder zu verlassen.

Die evangelische Pfarrgemeinde in Reutte läutet ihr Glockenwerk – außer zu besonderen Anlässen wie Feiertagen oder Beerdigungen – nur zweimal fünf Minuten am Sonntag gegen zehn Uhr Vormittag. „Und außergewöhnliche Anlässe gibt es bei uns sehr selten. Wir sind eine kleine Gemeinde“, erklärt der evangelische Theologe auf TT-Anfrage. Er kann sich deshalb eine wirkliche Belästigung nicht vorstellen.

Der vom Lärm Gestörte, der erst vor einem Jahr in die Nähe der Kirche gezogen ist, geht auch rigoros gegen Kirchgänger vor, die falsch parken. Er zeigt sie bei der Reuttener Polizei an, die wiederum Strafen ausstellt. Seit dem Bau der evangelischen Dreieinigkeitskirche Reutte im Jahr 1958 war es Usus, bei gutem Messbesuch im ruhigen Wohngebiet rund um die Kirche auch am Straßenrand zu parken. Pfarrer Stieger musste nun erkennen, dass dies nicht erlaubt ist und in dieser Frage eine andere Lösung gefunden werden muss.

Auch in der nur 200 Meter entfernten katholischen Pfarrkirche Breitenwang geht die Polizei in letzter Zeit auf Grund von Anzeigen verstärkt gegen Wildparker auf Gehsteigen vor. Pardon gibt es dabei für niemanden. Dazu Bezirkspolizeichef Egon Loren­z: „Es gibt nun einmal eine Straßenverkehrsordnung. Und wir können ja nicht sagen, wir strafen am Sonntag nicht.“ Ein klares Statement gibt der oberste Außerferner Polizist zur angeblichen Lärmbelästigung ab. „Ja, es hat eine Anzeige wegen Lärmstörung gegeben. Wir haben sie niedergelegt. Denn nach dem Landespolizeigesetz fällt die Beschallung durch Kirchenglocken nicht unter ungebührlichen Lärm.“ Und fügt schmunzelnd „im heiligen Land Tirol“ dazu.

Die Problematik rund um das Glockengeläute der evangelischen Kirche entbehrt trotzdem jeglichen Spaßfaktors. Ein polizeiliches Schlichtungsgespräch konnte keine Entspannung der Lage bringen. Pfarrer Mathias Stieger fühlt sich und seine Familie, die am gleichen Anwesen wohnt, nach einer persönlichen Aussprache bedroht und hat Anzeige erstattet. Polizei und Bezirkshauptmannschaft sind eingeschaltet. Stieger: „Klar gibt es eine individuelle Freiheit, aber auch den Schutz einer Religionsgemeinschaft, die sich gestört und bedroht fühlt.“

Laut dem Reuttener Anwalt Christian Pichler gibt es in Österreich zur Kirchenglockenproblematik derzeit keine aktuelle Entscheidung. Ein möglicherweise richtungsweisendes Verfahren sei aber in Oberösterreich anhängig. Für den Juristen gilt aber in jedem Fall der Grundsatz: „Die Kirche war zuerst da!“

Der „Glockengenervte“ selbst war trotz mehrfacher Kontaktversuche der Tiroler Tageszeitung am Donnerstag nicht zu erreichen.

Quelle: Von Helmut Mittermayr. Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.05.2015 (http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/10075035-91/messe-wegen-glockenl%C3%A4rm-gest%C3%BCrmt.csp)

 

Kommentar: Lärm macht aggressiv. Speziell betroffen sind Lärmsensible. Lärm beeinträchtigt unser Denken. Max Frisch hat dies folgermassen beschrieben: Das Geläute ihres Münsters, ein metallisches Dröhnen, das zweimal täglich losbricht, mindestens zweimal, wenn nicht Hochzeiten und Begräbnisse hinzukommen, ein Lärm, daß man seine eignen Gedanken nicht mehr hört, ein Zittern der Luft, ein klangloses Beben, ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist, es macht mich taub, schwindlig, idiotisch;…

Zwar geniesst kultisches Läuten einen weit höheren Schutz wie kultloses Läuten oder der Zeitschlag. Das heisst aber nicht, dass Gerichte nicht Dauer oder Lautstärke eines kultischen Läutens einschränken können. Die IG Stiller empfiehlt die kultischen Läuten pro Anlass nicht länger wie 5 Minuten dauern zu lassen.

Natürlich wäre es cooler, wenn der Mann würdevoll glockenläutend in die Messe gegangen wäre – anstatt den Pfarrer einfach anzuschreien. Aber unter Lärm reagieren wir Lärmsensiblen nicht immer rational.

 

Lärm erhöht Mortalität koronarer Herzkrankheit um 22 %

110 frühzeitige Todesfälle pro Jahr durch Strassenlärm

22 durch Kirchenglockenlärm?

Lärm kann über das Gehör die Gesundheit insgesamt beeinträchtigen. An Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Lärm ist der zweitgrösste, die Krankheitslast vergrössernde Umweltfaktor (nach Luftverschmutzung) [1].

Lärm kann die Mortalität koronarer Herzkrankheiten bis zu 22 % erhöhen [2]. Gemäss älteren Berechnungen ergeben sich für die Schweiz 110 frühzeitige Todesfälle durch den Strassenlärm pro Jahr [3]. Unter der Annahme, dass sich 50 % der Einwohnern der Schweiz an Strassenlärm stören und 10 % an Kirchenglocken, kann abgeschätzt werden, dass der Lärm von Kirchenglocken 22 frühzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht.

Natürlich ist das grob vereinfacht. Verfeinerte Analysen werden vielleicht zu anderen Zahlen kommen, aber es wird sich bestätigen, das Lärm von Kirchenglocken für den einen oder anderen Todesfall verantwortlich ist.

Wie beim Asbest braucht es einige Zeit, bis aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen werden. Vielleicht kommt es auch beim Kirchenglockenlärm eines Tages zu Klagen gegen Verantwortlichen von heute.

Quellen:

[1] Wikipedia „Lärm“ 17.01.15

[2] Association of Long-term Exposure to Community Noise and Traffic-related Air
Pollution With Coronary Heart Disease Mortality (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22491084)

[3] Externe Kosten des Verkehrs in der Schweiz. Aktualisierung für das Jahr 2005 mit Bandbreiten. Bundesamt für Raumplanung, Bundesamt für Umwelt. Schlussbericht.

 

 

 

Church bells charm and annoy

A cultural institution or a noisy nuisance? Switzerland’s church bells tell the time, call people to prayer, and irritate some of their neighbours – leading to disputes over whether they should be silenced. Some churches are bowing to public pressure and agreeing to reduce the volume or ringing hours.

On a recent Friday evening in Bern, every belfry was in action to ring in a late summer church festival. In a cacophonous chorus, the bells echoed throughout the old town for a full 15 minutes – attracting many listeners from outside the Swiss capital.

“For me it’s not noise but music. The church bells have different tones; it’s music to my ears,” as Dominik Däppen, a bell-ringer from the Lake Thun area, told swissinfo.ch. Yet he can understand those who are less enthusiastic, and suggested some ways to dim the perceived din.

“It would be possible to make them a bit quieter – either through insulation, like here at Münster Cathedral, or by changing the mechanisms or the clappers,” said Däppen.

In Germany, “many church towers are insulated with wooden or metal panels to absorb some of the sound”, according to Matthias Walter, president of the Swiss guild of bell makers and players.

Walter told swissinfo.ch that Swiss bells aren’t necessarily louder than their European peers, but that the typical tower architecture – relatively open – might make them sound so.

Another key difference is the frequency of their ringing.

“In France the bells usually ring once per hour, and in Switzerland it’s normally on the quarter-hour – and again on the hour with another bell,” Walter said, noting that in Italy, it depends on the region. “In the north they tend to ring a bit more and there are more open towers.”

A health risk?

Four times per hour, 24 hours per day, is too much for Lärmsensible, an interest group that campaigns for a quieter Switzerland. Lärmsensible means “sensitive to noise” in German.

“Noise from church bells prevents people from falling and staying asleep at night. And this leads to stress that can make people sick,” Lärmsensible spokesman Samuel Büechi told swissinfo.ch.

So are church bells a health risk? Quite possibly, according to the Federal Office for the Environment, which has a section devoted to noise pollution.

“There’s a good reason to believe that noise creates stress reactions, and stress leads to long-term health impediments,” Mark Brink, a psychologist and a scientific collaborator with the environment office, told swissinfo.ch. The federal authorities can regulate noise caused by traffic and industry, but they can’t tell the churches what to do.

“There are no explicit noise exposure limits for church bells at night. It’s a conflict that needs to be solved at the local level. But if possible, the ringing of church bells at night should be avoided. The less noise, the better; that’s always our position,” Brink said.

He added that a good compromise would be not ringing the bells between 10pm and 6am or 7am – something that many churches have already done. According to a survey in the Zurich-based Tages-Anzeiger newspaper, 15 out of 34 Protestant and 16 out of 24 Catholic churches in Zurich no longer ring their bells at night.

For example, earlier this year, the Evangelical Reformed church in the Zurich suburb of Höngg decided to silence its bells during the night. Parishioners approved the idea after there had been complaints among locals. Höngg’s Catholic church had turned off its night-time chimes some time ago, already.

“I’m quite convinced that the tradition of ringing church bells – at least in the night – will come to an end in five-to-ten years,” said Brink, who, incidentally, has always lived in places where he could hear church bells at night. “Parishes think it’s politically wiser to do this voluntarily rather than waiting for people to complain.”

Ding-dong

But if people object to the sound of church bells, why do they choose housing within earshot of them?

“There’s not enough quiet and affordable living space,” as Büechi explained. “It’s very difficult to find a quiet apartment, especially if you don’t have a car and don’t want to live far from a city centre.”

Many people don’t even think about church bells when apartment hunting, believes Walter. After moving in, they’re often surprised when they can hear them clanging at night.

According to Walter, there are two typical reactions: “Either they say, ‘Oh dear. That wakes me up but I’ll see how it goes.’ And then they get used to it after a couple of weeks and it doesn’t bother them.”

But the others decide that they’d better do something about it right away – which often includes unpleasant discussions and even legal action.

“Then of course the ringing bothers the person every time he hears it because it reminds him of the legal process,” Walter said.

Yet Brink says it’s important to remember that for a number of people, the church bells have a positive psychological effect.

“They feel better, they feel at home, they feel somehow that God is watching over them or whatsoever – so there’s a psychological meaning for those people. And this makes it a bit different than other types of noise.”

Court ruling: Tradition is important

Four cases regarding church bell noise have reached Switzerland’s Federal Court, which ruled in favour of the bells every time.

In one case involving the Evangelical­­­ Reformed church in Gossau in canton Zurich, the court dismissed the complaint from a local resident on account of an overriding public interest in maintaining the bell-ringing tradition. The plaintiff, who had settled next to the church thinking that the bells only rang on Sundays, took the case to the European Court of Human Rights in Strasbourg, France, in 2010. The case was declared inadmissible in December 2013.

By Susan Misicka, swissinfo.ch

Quelle: http://www.swissinfo.ch/eng/church-bells-charm-and-annoy-their-listeners/40807288

Heavy Metal bis in die frühen Morgenstunden

Kuh 3 Kopie

Kuhglocken-Konflikt in Österreich

Ein Richter aus der Steiermark erteilte Milchkühen und deren Glocken Bimmelverbot. Seitdem hängt in Österreich der Almfrieden schief. Rechtsvergleichung könnte helfen. In der Schweiz und im Sauerland wurden Kuhglocken schon vor Jahrzehnten gerichtlich schallgedämmt, berichtet

Mitte Juli schlug die Nachricht in Österreich ein wie eine Bombe: Erich Kundergraber, seines Zeichens Richter am Unabhängigen Verwaltungssenat der Steiermark, brach mit einer Jahrhundert alten Tradition: Die Kühe auf einer Weide in der Gemeinde Stallhof, so sein Urteil, sollten zukünftig ohne Glockenschmuck am Hals grasen.

Angefangen hatte die Auseinandersetzung, wie so oft, mit einer Anzeige bei der Polizei. Genervte Nachbarn wollten nicht mehr hinnehmen, dass ein örtlicher Landwirt seine mit Glocken versehene Kuhherde direkt neben ihren Wohnhäusern weiden ließ. Der Bauer erhielt eine Geldstrafe, gegen die er postwendend vor Gericht zog.

Heavy Metal bis in die frühen Morgenstunden

Richter Kundergraber machte einen Lokaltermin. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Völlig fertig“ seien die Anrainer ob des ständigen Geläutes gewesen. Selbst nachts hätten die Tiere mit ihren schweren Glocken gegen metallene Futtertröge geschlagen.

Für Richter Kundergraber war der Fall eindeutig: In einem Gebiet mit „verstreuten Wohnobjekten“ sei es unzumutbar, auf einer eingezäunten Weide Tiere mit Kuhglocken zu halten.

Das Lärmschutzurteil löste in ganz Österreich eine rege Diskussion aus. Laut einer Umfrage von „Radio Steiermark“ plädierten 75 Prozent der Zuhörer für den Erhalt der Glockenkultur. Das österreichische Staatsfernsehen ORF ließ seine Zuschauer per Televoting abstimmen. Das Ergebnis offenbarte eine gespaltene Nation: Jeweils 27 Prozent der Abstimmungsteilnehmer sprachen sich für oder gegen das Urteil aus; knapp 45 Prozent votierten unentschieden.

Auch über die Alpenrepublik hinaus schlug das Verdikt Wellen. Im oberbayerischen Chiemgau bloggten Landwirte über das Für und Wider des Glockenschmucks. Die Fachzeitschrift top agrar diagnostizierte einen „erbitterten Streit“ und die Londoner Tageszeitung The Times wollte gar das „Totenglöckchen“ für einen „aussterbenden Lebensstil“ gehört haben. Selbst im weitgehend Kuhglocken-freien Australien machte das Urteil Furore.

Das Appenzellerland als früher Trendsetter in der Glockenfrage

Wie oft bei kulturphilosophischen Grundsatzdebatten könnte ein vergleichender Blick in benachbarte Rechtskreise eine beruhigende – vielleicht sogar befriedende – Wirkung entfalten. Bereits Mitte der siebziger Jahre beschäftigten sich Schweizer Gerichte mit klingenden Kuhherden. Im August 1973 erhob der Eigentümer eines Kräuterversandgeschäftes in einer Gemeinde im Appenzeller Land Klage gegen einen Bauern. Dieser hatte sein mit gewichtigen Glocken ausgestattetes Milchvieh in der „Wohnzone“ des Dorfes auf einer umzäunten Wiese weiden lassen.

Im Mai 1975 fällte das oberste Gericht der Schweiz, das Bundesgericht, ein Grundsatzurteil: Von 20 bis sieben Uhr mussten die Glocken schweigen. Begründung: Da die „Nervenkräfte des heutigen Menschen oft bis aufs äußerste“ beansprucht würden, stelle die ungestörte Nachruhe ein „erheblich schützenswertes Gut“ dar. Demgegenüber sei es auch im ländlich geprägten Appenzeller Land nicht mehr ortsüblich, Kühe in Wohnquartieren mit Glocken grasen zu lassen. Dies gelte umso mehr, wenn die Vierbeiner auf einer eingefriedeten Wiese stünden und somit die Gefahr eines „Durchbrennens“ gering sei; der eigentliche Sinn der Glocken, das Auffinden der Tiere zu erleichtern, gehe ins Leere (Urt. v. 29.05.1975, Az. 101 II 248).

Zum gleichen Ergebnis kam 1998 ein Amtsrichter im sauerländischen Menden. Auch dort musste eine auf einer eingezäunten Weide stehende Kuh zwischen 20 Uhr abends und sieben Uhr früh ihren Halsschmuck ablegen. Ein Nachbar hatte vor Gericht ausgesagt, dass es ohne das tierische Gebimmel nächtens in der fraglichen Ortsrandlage „totenstill“ sei. Bei dieser Sachlage sah das Gericht in dem Geläute eine „mehr als unwesentliche Beeinträchtigung“ (Urt. v. 12.08.1998, Az. 4 C 311/97).

Der Autor Dr. Uwe Wolf ist Jurist und freier Autor in Düsseldorf.

Quelle: Legal Tribune 25.8.12

http://www.lto.de/recht/feuilleton/f/nachbarschaft-streit-kuhglocken-laermbelaestigung-in-oesterreich/

 

Kommentar:

Im Rechtsmagazin Legal Tribune ONLINE wurde 2012 unter dem Titel „Kuhglocken-Konflikt in Österreich“, das Appenzellerland mit Bezug auf ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 1975 als früher Trendsetter in Bezug auf Glockenlärm bezeichnet. Dies ist aus verschiedenen Gründen nicht richtig.

Erstens wurde der Glockenstreit von Speicher nicht im Appenzellerland sondern in Lausanne im Sinne des lärmempfindlichen Klägers entschieden und zweitens gibt es ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 1919, welches zeigt, dass im Kanton Thurgau schon damals im Sinne eines Lärmempfindlichen geurteilt wurde. Im „Urteil der II Zivilabteilung des Bundesgerichtes vom 30. September 1919 in Sachen Altermatt gegen Ammann“ wurde wie folgt argumentiert: „Das Interesse des Klägers, auf seiner Liegenschaft zur Nachtzeit Vieh mit Glockengeläute Weiden zu lassen, kann nur als eine Liebhaberei betrachtet werden; denn der von ihm für die Notwendigkeit des Herdengeläutes in erster Linie angeführte Grund, die leichtere Überwachung des Viehs, fällt von vornherein ausser Betracht, weil die Vorinstanz festgestellt hat, dass das Algissergut eingefriedigt ist und mithin die Gefahr, dass die Kühe sich verlaufen, der durch das Geläute begegnet werden kann, nicht besteht.“ Zu dieser Schlussfolgerung sind Appenzeller Behörden und Gerichte auch ein halbes Jahrhundert später nicht gekommen. Ja sogar noch ein ganzes Jahrhundert später, 2013, musste das Obergericht von Appenzell Ausserrhoden Gemeinde- und Regierungsrat rüffeln, weil sie einem Lärmgestörten sein Recht verweigert hatten – mit der fadenscheinigen Begründung, eine Kuhherde sei keine Anlage im Sinne der Lärmschutzverordnung, wenn sie sich nicht beim Hof befinde. Das Gericht bemängelte die Vorinstanzen wie folgt: “Den Lärm von Kuhglocken nur deshalb nicht nach dem Umweltschutzgesetzt zu beurteilen, weil eine Weide nicht direkt neben dem Bauernhof liegt, erscheint allerdings nicht sachgerecht.” Das Appenzellerland ist also nicht Trendsetter in Sachen Lärm von Tierglocken sondern der Kanton Thurgau.

 

© 2019 Lärmsensible

Theme von Anders Norén↑ ↑