KategorieStrassenlärm

Shake the living – Wake the dead

Jeden Frühling werden wir wieder unsanft daran erinnert, dass die Umsetzung von Artikel 42 des Strassenverkehrsgesetzes (Vermeiden von Belästigungen ) vernachlässigt wird.

Dieser Artikel verpflichtet „Fahrzeugführer jede vermeidbare Belästigung von Strassenbenützern und Anwohnern, namentlich durch Lärm, Staub, Rauch und Geruch, zu unterlassen und das Erschrecken von Tieren möglichst zu vermeiden.“

Leider gibt es Fahrer welche diesen Artikel absichtlich nicht berücksichtigen. Lärm machen ist der Zweck ihrer Fahrten. Es ist eine Machtdemonstration der fast immer jungen und männlichen Fahrer. Die Polizei unternimmt nichts bis wenig in dieser Sache – je nach Kanton.

Ein Teilaspekt dieses Problems (laute Musik aus Autos) wurde in New York schon 2001 in die Aus- und Weiterbildung von Polizisten Aufgenommen – im 7. Leitfaden für praxisorientiere Polizeiarbeit. Polizisten können mit diesem Leitfaden für das Problem sensibilisiert und geschult werden (http://www.popcenter.org/problems/loud_car_stereos/)

Interessant auch die Werbung für Stereoanlagen in Autos. Das Stören von Nachbarn, die Verbreitung von Angst und ein kriegerisches Vokabular scheint dem potentiellen Käufer zu gefallen. Etwa im Sinne von, wer anderen mit seinem Lärm Angst einjagen kann, ist mächtig (und hat Erfolg bei Frauen).

Hier ein paar Beispiele (http://www.noiseoff.org/ads.ph)

  • The MB Quart ad copy reads: ‚Bolt-On Performance They’ll Hear a Mile Away.‘
  • The JBL Car Audio ad copy reads: ‚Either we love bass or hate your neighbors.
  • The Hollywood Sound Labs ad copy reads: ‚The word on the Street… Shake Seats and Annoy Neighbors.
  • ‚It’s not my remote, its my detonator‘. Sony’s line of boom car equipment is marketed under the brand name, X-Plod.

ad.sony

  • A Bazooka subwoofer presented as an extended phallus. The ad promises ‚bigger performance‚ and ‚long lines of chicks who want to check out your tube.‘

ad.bazooka

  • The Cerwin Vega ad is a depiction of a mummy holding its ears with the caption ‚Shake the living – Wake the dead.‘

ad.cerwin

 

 

Mit Lärm von der Masse abheben

Sportwagen sollen sich auch in Zukunft noch wie Sportwagen anhören. Das ist das Ziel der Gründer der Facebookgruppe «Volksinitiative gegen 75 Dezibel». Bei 100‘000 Likes wollen sie die Unterschriftensammlung in Angriff nehmen. Am Sonntag verzeichnete die Gruppe nach drei Tagen knapp 7000 Likes.

Ab Mitte nächsten Jahres dürfen Sportwagen nämlich nur noch minimal lauter sein als gewöhnliche Personenwagen. Am 1. Juli 2016 tritt ein bilaterales Abkommen in Kraft, das die Schweiz dazu verpflichtet, EU-Grenzwerte für Motorfahrzeuge zu übernehmen. «Unsere neuen Fahrzeuge sollen ab 2016 weiterhin über 75 Dezibel laut sein dürfen. Sonst ist ein Smart bald lauter als ein Ferrari oder ein BMW M5», schreiben die Initianten. Sie wollten die Massen mobilisieren, um gegen weitere Vorschriften der EU anzukämpfen. «Es geht dabei nicht primär um den Lärm, sondern darum, dass die Schweiz nicht immer noch mehr Regeln der EU übernimmt.» Die Gruppe würde von «hochrangigen Politikern» unterstützt. Von wem genau, verrät die Gruppe nicht. Auch wie die Initianten heissen, wird nicht verraten.

Bereits zuvor hatten der Sportwagenclub Schweiz und Tuning-Experten Kritik an der neuen Verordnung geäussert. Der Sound eines Autos müsse einfach stimmen. Es gehe darum, sich mit einem lauten Auto von der Masse abzuheben.

Ob die Volksinitiative tatsächlich zustande kommt, ist allerdings fraglich. 100‘000 Unterschriften von Stimmberechtigen müssten dafür innerhalb von 18 Monaten gesammelt werden.

Schwerer Stand für Facebook-Initiativen

Dass das nicht ganz einfach ist, mussten auch die Initianten der Volksinitiative «140 auf der Autobahn» erfahren. Zwar erhielt das Anliegen auf Facebook über 150‘000 Likes. Bislang kamen aber erst 48‘000 Unterschriften zusammen. Deshalb wurde im Februar ein Sammeltag lanciert. Inklusive Anleitung, wo am meisten Unterschriften zu holen seien. Etwa in Dorfgaragen, am Arbeitsplatz, Schulen, Sportvereinen, im Ausgang, am Bahnhof oder Tankstellen. Vor allem Männer zwischen zwanzig und dreissig würden gerne unterschreiben.

Das Ergebnis fiel dennoch bescheiden aus: denn statt tatsächlich Unterschriften zu sammeln, drückten viele nur den Like-Knopf. Nun nehmen die Initianten einen neuen Anlauf: Am 17. März startet die nationale Sammelwoche für 140 km/h auf der Autobahn.

«Ein Problem ist, dass Facebook nur die Posts von wenigen Fans anzeigt und so bei vielen vergessen ging», sagt Initiant Marco Schläpfer. Die Unterschrift für 140 sei die einzige Hoffnung, um Gegensteuer zu geben gegen die Autohasser. Nur ein «Like» ändere gar nichts, «das ist vielen noch zu wenig klar».

Quelle: 20 minuten. 2.3.15 (D. Pomper) http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Fans-planen-Volksinitiative-fuer-laute-Autos-16558591.

Kommentar: …

Lärm erhöht Mortalität koronarer Herzkrankheit um 22 %

110 frühzeitige Todesfälle pro Jahr durch Strassenlärm

22 durch Kirchenglockenlärm?

Lärm kann über das Gehör die Gesundheit insgesamt beeinträchtigen. An Lärm kann man sich nicht gewöhnen. Lärm ist der zweitgrösste, die Krankheitslast vergrössernde Umweltfaktor (nach Luftverschmutzung) [1].

Lärm kann die Mortalität koronarer Herzkrankheiten bis zu 22 % erhöhen [2]. Gemäss älteren Berechnungen ergeben sich für die Schweiz 110 frühzeitige Todesfälle durch den Strassenlärm pro Jahr [3]. Unter der Annahme, dass sich 50 % der Einwohnern der Schweiz an Strassenlärm stören und 10 % an Kirchenglocken, kann abgeschätzt werden, dass der Lärm von Kirchenglocken 22 frühzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht.

Natürlich ist das grob vereinfacht. Verfeinerte Analysen werden vielleicht zu anderen Zahlen kommen, aber es wird sich bestätigen, das Lärm von Kirchenglocken für den einen oder anderen Todesfall verantwortlich ist.

Wie beim Asbest braucht es einige Zeit, bis aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen werden. Vielleicht kommt es auch beim Kirchenglockenlärm eines Tages zu Klagen gegen Verantwortlichen von heute.

Quellen:

[1] Wikipedia „Lärm“ 17.01.15

[2] Association of Long-term Exposure to Community Noise and Traffic-related Air
Pollution With Coronary Heart Disease Mortality (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22491084)

[3] Externe Kosten des Verkehrs in der Schweiz. Aktualisierung für das Jahr 2005 mit Bandbreiten. Bundesamt für Raumplanung, Bundesamt für Umwelt. Schlussbericht.

 

 

 

Strassenlärm

Einführung

Die Freiheit, jederzeit mit einem motorisierten Fahrzeug von A nach B fahren zu können, wird heute höher gewertet als die Freiheit in Ruhe zu leben. Das war nicht immer so. Von 1900 bis 1925 gab es im Kanton Graubünden ein vollständiges Autoverbot. Nicht weniger als zehn Volksabstimmungen vergingen, bis die Motorisierung auf den Bündner Strassen Einzug hielt.

Sonntags- und Nachtfahrverbot

Schweizweit geblieben ist einzig das Sonntags- und Nachtfahrverbot für Lastwagen. Leider wurden andere laute Motorfahrzeuge nicht mit diesem Bann belegt. So wird dem wirtschaftlich wichtigen Lastwagengewerbe verboten, nachts zu arbeiten, während Motorradfahrer ihrem Freizeitvergnügen auch mitten in der Nacht nachgehen können. Aus gesundheitspolitischen Gründen sollten zumindest die traditionellen Ruhezeiten – und speziell die Nachtruhe – besser geschützt werden.

Die Lärmsensiblen fordern ein Nachtfahrverbot für alle lauten Motorfahrzeuge.

Unnötiger Lärm

Ganz ohne neue Gesetze liesse sich der unnötige Strassenlärm reduzieren. Dieser Lärm kommt meist von Fahrzeugen, die schon laut sind und zusätzlich laut gefahren werden. Lärm machen ist der Zweck dieser Fahrten. Es ist eine Machtdemonstration der fast immer jungen und männlichen Fahrer. Speziell nachts ist dieser Lärm extrem störend. Die Polizei unternimmt nichts bis wenig in dieser Sache – je nach Kanton.

Geregelt ist „unnötiger Lärm“ im Artikel 42 des Strassenverkehrsgesetzes und im Artikel 33 der Verkehrsregelverordnung:

Artikel 42 des Strassenverkehrsgesetzes

Vermeiden von Belästigungen

Der Fahrzeugführer hat jede vermeidbare Belästigung von Strassenbenützern und Anwohnern, namentlich durch Lärm, Staub, Rauch und Geruch, zu unterlassen und das Erschrecken von Tieren möglichst zu vermeiden.2 Der Betrieb von Lautsprechern an Motorfahrzeugen ist untersagt, ausgenommen für Mitteilungen an Mitfahrende. Die nach kantonalem Recht zuständige Behörde kann in Einzelfällen Ausnahmen gestatten.

 

Artikel 33 der Verkehrsregelverordnung

Vermeiden von Lärm

Fahrzeugführer, Mitfahrende und Hilfspersonen dürfen, namentlich in Wohn- und Erholungsgebieten und nachts, keinen vermeidbaren Lärm erzeugen. Untersagt sind vor allem:a. andauerndes, unsachgemässes Benützen des Anlassers und unnötiges Vorwärmen und Laufenlassen des Motors stillstehender Fahrzeuge;b. hohe Drehzahlen des Motors im Leerlauf, beim Fahren in niedrigen Gängen;c. zu schnelles Beschleunigen des Fahrzeugs, namentlich beim Anfahren;d. fortgesetztes unnötiges Herumfahren in Ortschaften;e. zu schnelles Fahren, namentlich mit metallbereiften Fahrzeugen, beim Mitführen von unbefestigten Ladungen und von Anhängern, beim Befahren von Kurven und Steigungen;f. unsorgfältiges Beladen und Entladen von Fahrzeugen sowie Mitführen von Kannen und ähnlichen lärmerzeugenden Ladungen ohne Befestigung oder Zwischenlagen;g. Zuschlagen von Wagentüren, Motorhauben, Kofferdeckeln und dgl.;h. Störungen durch Radioapparate und andere Tonwiedergabegeräte, die im Fahrzeug eingebaut sind oder mitgeführt werden.

Kantonal bestehen zudem allgemeine Regelungen zu Ruhestörungen. In Appenzell Ausserrhoden ist es der Artikel 18 des kantonalen Strafrechts:

Ruhestörung

Wer mutwillig durch Lärm die Nachtruhe stört, wer in grober Weise die Ruhe an Sonn- und Feiertagen stört, wird mit Busse bestraft.

Es wäre also Aufgabe der Polizei, uns vor unnötigem Strassenlärm zu schützen.

Aber nicht einmal die traditionellen Ruhezeiten werden vor unnötigem Strassenlärm geschützt. Auch Mitten in der Nacht kann bei uns ein Motorisierter ungestört seinen Motor aufheulen lassen und viele Menschen ungestraft aus dem Schlaf reissen oder in Stress versetzen und so beim Einschlafen stören.

2012 schrieb mir Herr Hans Diem, Vorsteher des Departement Sicherheit und Justiz von Ausserrhoden dazu:

„Die Praxis zeigt aber, dass der Vollzug der verschiedenen Normen zum Schutz von vermeidbarem Lärm oft schwierig ist. Der Grund dafür liegt nicht in der Ausbildung der einzelnen Polizeifunktionäre, sondern mehr in den teilweise unpräzise formulierten Normen bzw. der Verwendung von unbestimmten Rechtsbegriffen wie zum Beispiel: ‚andauernd‘, ‚übermässig‘, ‚unsachgemäss‘, ‚hohe Drehzahlen‘, ‚zu schnelles Beschleunigen‘ etc.“

Das ist die übliche Schutzbehauptung der Behörden in diesem Zusammenhang. Es darf aber gezweifelt werden, dass die zitierte Aussage auf aktuellen juristischen Fakten basiert. Im Weiteren verweist der Vorsteher auf die regelmässigen Lärmmessungen auf dem Kontrollplatz. Wie diese zu beurteilen sind, berichtete der Tages Anzeiger kürzlich (Töffs in der Schweiz knattern viel zu laut).

2014 musste sich Paul Signer, Nachfolger von Hans Diem, einem ähnlichen Hilfegesuch stellen. Zum Thema „vermeidbarer Lärm“ nimmt er – ausser im Titel – keine Stellung. Es ist auch keine Verbesserung der Situation eingetreten. Ganz im Gegenteil: Die motorisierten Lärmmacher werden immer frecher und bei der Bekämpfung von unnötigem Strassenlärm steht Ausserrhoden nicht an vorderster Front.

Da steht offensichtlich der Kanton Zürich. Anlass für das Schreiben an Paul Signer war denn auch ein Artikel in der NZZ zum Thema „vermeidbarer Lärm“ (Junger Aargauer von Statthalteramt Horgen verurteilt). Darin wurde bekannt, dass die Kantonspolizei Zürich schon seit 2011 Präventionskampagnen durchführt und dass mit baulichen Massnahmen und Plakaten die Situation am Albispass «deutlich verbessert werden konnte», wie alle Beteiligten bestätigen. Für dieses Jahr plant die Polizei eine weitere Plakatkampagne.

Lärm am Stoss

2013 wurden zwischen Altstätten und Gais über 1000 Unterschriften für eine Petition gegen Strassenlärm („Lärm am Stoss„) gesammelt. Während der Kanton St. Gallen immerhin mit einer Plakatkampagne auf die Petition reagiert hat, fehlten im August 2014 auf appenzellischer Seite diese „ROARRR!!!…verboten“-Plakate .

wroum Kopie

Vor allem fehlt es bei uns aber an Verwarnungen und Verzeigungen durch die Verkehrspolizei, also an Erziehungsmassnahmen. Dabei könnten Apparaturen (wie die im August 2014 neben einem „ROARR!!!…verboten“-Plakat auf dem Gebiet der Gemeinde Altstätten fotografierte) eine grosse Hilfe sein.

Politiker lassen uns im Lärm stehen

Ein ganz anderes Lärmproblem sind die überlauten Motorfahrzeuge, welche nicht leise gefahren werden können. Anfang Mai 2014 lehnte der Nationalrat eine wichtige Anti-Lärm-Motion gegen überlaute Motorfahrzeuge mit 97 zu 79 Stimmen bei 5 Enthaltungen ab (http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4913/436628/d_n_4913_436628_436655.htm).

Grund dafür war erfolgreiches Lobbying der Industrie (Abstimmungskrimi im Nationalrat).

Aus gesundheitspolitischer Sicht war diese Abstimmung eine Katastrophe!

Interessant war, dass nach der Abstimmung auch unter den Motorradfahrern kritische Stimmen laut wurden (Motorrad). Die Lärmsensiblen fordern in diesem Zusammenhang einen neuen Anlauf. Zusätzlich muss der Gebrauch solcher überlauter Fahrzeuge analog den Lastwagen während der Ruhezeiten verboten werden.

Lärmklagen

In der Nähe von Autobahnen ergeben sich Lärmprobleme, welche üblicherweise mit Lärmschutzwänden vermindert werden. Wie beim Schienenlärm ist aber der Vollzug im Verzug. Die Lärmliga versucht nun mit Klagen Druck zu machen (http://www.laermliga.ch/index.php/laermsanierungen.html). Ein erster medialer Erfolg war der Artikel vom 2.9.14 im Tages Anzeiger: „Bund drohen Klagen aus dem ganzen Land. Auf einem Drittel des Nationalstrassennetzes ist es zu laut. Der Bund kann die Sanierungsfrist – Ende März 2015 – nicht einhalten. Das federführende Bundesamt für Strassen gibt den Kantonen die Schuld dafür.“

Während bei Autobahnen der Lärm mit Schallschutzwänden vermindert werden kann, braucht es beim vermeidbaren Lärm Erziehung. Zuständig sind eindeutig die Kantone. Sicher braucht es auch hier Lärmklagen. Dass solche erfolgreich sein können, hat der Kanton Zürich bewiesen.

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