In der Schweiz benützen jeden Tag eine Million Menschen den öffentlichen Verkehr (ÖV). Diese Million Menschen ist dem Lärm im ÖV ausgesetzt. Die wichtigsten Komponenten dieses Lärms sind die Rollgeräusche, die Passagiere und die Fahrgastinformation. Die Rollgeräusche sind unvermeidbar. Beeinflusst werden kann der Lärm durch Passagiere und Fahrgastinformation.

Der Lärm von Passagieren kann mit Regeln vermindert werden. Es geht dabei darum, die Passagiere darauf hinzuweisen, dass bei Gesprächen und beim Musikhören auf die Mitreisenden Rücksicht genommen werden muss. Entsprechende Regeln wurden von verschiedenen Bahnen eingeführt und sind durchaus hilfreich.

Eine weitere Lärmquelle im ÖV ist die Fahrgastinformationen. Es scheint, dass diese in den letzten Jahren maximiert statt optimiert wurde. Wir fordern deshalb ein wissenschaftlich fundiertes Regelwerk für die Fahrgastinformation. Es braucht für jedes Zeichen eine Nutzen-Risiko-Abwägung. Wichtige Punkte aus unserer Sicht sind:

  • Kürzest mögliche Ansage!
  • Keine nutzlosen Informationen: z.B. „Bei Fragen berät sie das Zugspersonal gerne“. „wir wünsche ihnen eine gute Reise“. „wir bitten sie auszusteigen und wünschen ihnen eine gute Weiterfahrt“, Fahrtziel und Begrüssung als Werbesendung mitten in der Strecke statt am Anfang der Fahrt.
  • Mehrere Sprachen nur an ganz wichtigen Stellen und nur wenn es nachweislich etwas bringt für den Passagierfluss.
  • Validierte Lautstäke: nicht einmal zu laut und einmal zu leise.

Wie schon 2008 bei der Vernehmlassung zur Fahrgastinformation festgestellt wurde, braucht es eine einheitliche, gemeinsame Sprache: „Würde jedes Transportunternehmen seine eigene Lösung zur Fahrgastinformation realisieren, ergäbe sich eine Vielfalt, welche für den Reisenden nur verwirrlich wäre.“ Leider folgten dieser Erkenntnis keine Taten in Form eines verbindlichen und detaillierten Reglements, sodass genau das eingetroffen ist, was eigentlich verhindert werden wollte: eine verwirrliche Vielfalt an Zeichen.

Dies lässt sich am besten am Zeichen „Halteknopf gedrückt“ oder „Zug hält“ dokumentieren. Bei den AB (Appenzeller Bahnen) macht es Bum, bei der SOB (Südostbahn) Bimbam (hier absolut sinnlos, weil der Zug sowieso überall hält). Die St. Galler Verkehrsbetriebe und die Postautos verwenden ein Summen (welches bezüglich Lautstärke und Ton akzeptabel ist). Andere Verkehrsbetriebe verzichten auf das Zeichen. Also gibt es mindestens vier Varianten.

Ausserdem gibt es Zeichen, die absolut sinnlos sind, wie z.B. die Passagierbeschleuni­gungs­sirene der AB. Diese ertönt nur, wenn das Ein- und Aussteigen zu lange dauert. Üblicherweise pfeift die Anlage alte Leute, Mütter mit Kinderwägen, Blinde und andere langsame Passagiere an. Auch bei Gruppen geht sie regelmässig los. Wenn es viele Passagiere hat, kann die Anlage pro Reise gut 3 – 4 mal aufheulen. So auch, wenn jemand bei schliessender Türe einsteigen will. Die Türe geht dann meist wieder auf, lässt den Passagier rein und pfeift ihn dann an. Sogar an der Endstation kann es passieren! Die Sirene kann auch losgehen, wenn niemand in der Nähe ist. Eine totale Fehlkonstruktion, welche in mindestens 99 % der Fälle absolut nichts zur Passagierbeschleunigung beiträgt.

Wenn immer möglich sollte die Fahrgastinformation individuell verteilt werden. Es würde genügen, wenn nur wichtige Informationen für alle hörbar wären (z.B. Strecken­unterbruch). Alle anderen Informationen könnten individuell verteilt werden – jedem in seiner Sprache, jedem so viel wie er will. Touristenbusse für Stadtbesichtigungen sind schon lange so eingerichtet.

Zusätzlich fordern wir die Wiedereinführung der Ruhewagen 2. Klasse – es ist unsozial, nur den Reichen die Möglichkeit zu geben, ohne den Lärm der Mitpassagiere zu reisen. Dabei wäre es ein wesentlicher Vorteil wäre, wenn sich die Ruheabteile auf den ersten Blick von anderen Abteilen unterscheiden würden.

Auch der Bundesrat hat sich für die Ruheabteile in der 2. Klasse ausgesprochen. Auf eine Interpellation von Nationalrat Ruedi Aeschabacher nahm er am 17.02.2010 wie folgt Stellung:

Die SBB wollen auf den kommenden Fahrplanwechsel hin in der zweiten Klasse die Ruhewagen aufheben. Die Begründung: Das Ruhegebot lasse sich in den Ruhewagen der zweiten Klasse nur schwer durchsetzen, führe immer wieder zu negativen Reaktionen von Reisenden gegenüber dem Zugspersonal und – als Hauptargument – es schränke die Flexibilität in der Belegung der stark ausgelasteten Züge zu sehr ein.

Dem ist entgegenzuhalten, dass:

– nur ein Teil eines Zweiten-Klasse-Wagens als Ruhezone ausgeschieden wird, also eine verhältnismässig bescheidene Anzahl Plätze in Anspruch genommen wird;

– neben einem Wagen mit Ruhebereich jeweils mindestens vier bis sechs „normale“ Zweiten-Klasse-Wagen in den betreffenden Zugkompositionen verkehren, womit die Flexibilität der Belegung gewährleistet ist;

– das Sitzplatzangebot durch die Ausscheidung eines Teils eines Zweiten-Klasse-Wagens nicht um einen einzigen Platz verringert wird und dass erfahrungsgemäss auch die Passagiere der zweiten Klasse es vorziehen, in einem Ruhewagen sitzen zu können, als in einem „normalen“ Wagen stehen zu müssen.

Auch unter den Passagieren der zweiten Klasse hat es – wie bei den Passagieren der ersten Klasse (wo die Ruhewagen beibehalten werden) – Personen, welche eine Zugfahrt in relativer Ruhe ohne seichtes Handygeplapper und laute Unterhaltung schätzen, zumal die berufliche Beanspruchung und die Hektik des Alltags immer ausgeprägter werden.

Es bleibt die unangenehme Aufgabe für das Zugspersonal, gelegentlich dem Ruhegebot Nachachtung verschaffen zu müssen. Kommuniziert und kontrolliert man jedoch klar und konsequent, wie beispielsweise bei der seinerzeitigen Einführung der rauchfreien Züge, so wird das Ruhegebot nach einer gut begleiteten erneuten „Anlaufzeit“ ebenso selbstverständlich auch in der zweiten Klasse eingehalten wie in der ersten Klasse.

(Quelle: http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=2009432609.4326 – Interpellation)

Die IG Stiller bestätigt die Haltung des Bundesrates und ergänzt, dass Ruhebereiche zusätzlich vor unerwünschten Fahrgastinformationen geschützt werden sollten. Ein Ruhewagen mit individueller akustischer Fahrgastinformation, das wäre die perfekte Lösung für uns Lärmsensible.