Das Glockengeläute der evangelischen Kirche in Reutte bringt einen Mann aus der Nachbarschaft in Rage. Zweimal drang der Deutsche während des Gottesdienstes in die Kirche ein und schrie Pfarrer Stieger an.

Reutte – Neuerdings begeben sich die Mitglieder der evangelischen Pfarrgemeinde in Reutte beim sonntäglichen Gottesdienst in Klausur. Sie sperren sich während der Messe in ihrer Kirche in der Albert-Schweitzer-Straße ein – mehr oder weniger unfreiwillig. So wollen sie sich vor ungebetenem Besuch schützen. Eine Vorsichtsmaßnahme, wie Pfarrer Mathias Stieger bestätigt. Denn schon zweimal ist ein Mann aus der Nachbarschaft während der Messfeier in die Kirche eingedrungen und hat dort laut um sich zu schreien begonnen. Er verlangte, das Läuten der Glocken umgehend einzustellen.

tieger: „Wir haben Kinder und ältere Personen im Gottesdienst. Und müssen uns irgendwie schützen.“ Der Wütende war bei seinem letzten Auftritt laut Stieger auch nicht zu bewegen, das Gotteshaus zu verlassen. Erst vier junge Männer konnten ihn hemdsärmelig „überzeugen“, Kirche und Grundstück wieder zu verlassen.

Die evangelische Pfarrgemeinde in Reutte läutet ihr Glockenwerk – außer zu besonderen Anlässen wie Feiertagen oder Beerdigungen – nur zweimal fünf Minuten am Sonntag gegen zehn Uhr Vormittag. „Und außergewöhnliche Anlässe gibt es bei uns sehr selten. Wir sind eine kleine Gemeinde“, erklärt der evangelische Theologe auf TT-Anfrage. Er kann sich deshalb eine wirkliche Belästigung nicht vorstellen.

Der vom Lärm Gestörte, der erst vor einem Jahr in die Nähe der Kirche gezogen ist, geht auch rigoros gegen Kirchgänger vor, die falsch parken. Er zeigt sie bei der Reuttener Polizei an, die wiederum Strafen ausstellt. Seit dem Bau der evangelischen Dreieinigkeitskirche Reutte im Jahr 1958 war es Usus, bei gutem Messbesuch im ruhigen Wohngebiet rund um die Kirche auch am Straßenrand zu parken. Pfarrer Stieger musste nun erkennen, dass dies nicht erlaubt ist und in dieser Frage eine andere Lösung gefunden werden muss.

Auch in der nur 200 Meter entfernten katholischen Pfarrkirche Breitenwang geht die Polizei in letzter Zeit auf Grund von Anzeigen verstärkt gegen Wildparker auf Gehsteigen vor. Pardon gibt es dabei für niemanden. Dazu Bezirkspolizeichef Egon Loren­z: „Es gibt nun einmal eine Straßenverkehrsordnung. Und wir können ja nicht sagen, wir strafen am Sonntag nicht.“ Ein klares Statement gibt der oberste Außerferner Polizist zur angeblichen Lärmbelästigung ab. „Ja, es hat eine Anzeige wegen Lärmstörung gegeben. Wir haben sie niedergelegt. Denn nach dem Landespolizeigesetz fällt die Beschallung durch Kirchenglocken nicht unter ungebührlichen Lärm.“ Und fügt schmunzelnd „im heiligen Land Tirol“ dazu.

Die Problematik rund um das Glockengeläute der evangelischen Kirche entbehrt trotzdem jeglichen Spaßfaktors. Ein polizeiliches Schlichtungsgespräch konnte keine Entspannung der Lage bringen. Pfarrer Mathias Stieger fühlt sich und seine Familie, die am gleichen Anwesen wohnt, nach einer persönlichen Aussprache bedroht und hat Anzeige erstattet. Polizei und Bezirkshauptmannschaft sind eingeschaltet. Stieger: „Klar gibt es eine individuelle Freiheit, aber auch den Schutz einer Religionsgemeinschaft, die sich gestört und bedroht fühlt.“

Laut dem Reuttener Anwalt Christian Pichler gibt es in Österreich zur Kirchenglockenproblematik derzeit keine aktuelle Entscheidung. Ein möglicherweise richtungsweisendes Verfahren sei aber in Oberösterreich anhängig. Für den Juristen gilt aber in jedem Fall der Grundsatz: „Die Kirche war zuerst da!“

Der „Glockengenervte“ selbst war trotz mehrfacher Kontaktversuche der Tiroler Tageszeitung am Donnerstag nicht zu erreichen.

Quelle: Von Helmut Mittermayr. Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.05.2015 (http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/10075035-91/messe-wegen-glockenl%C3%A4rm-gest%C3%BCrmt.csp)

 

Kommentar: Lärm macht aggressiv. Speziell betroffen sind Lärmsensible. Lärm beeinträchtigt unser Denken. Max Frisch hat dies folgermassen beschrieben: Das Geläute ihres Münsters, ein metallisches Dröhnen, das zweimal täglich losbricht, mindestens zweimal, wenn nicht Hochzeiten und Begräbnisse hinzukommen, ein Lärm, daß man seine eignen Gedanken nicht mehr hört, ein Zittern der Luft, ein klangloses Beben, ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist, es macht mich taub, schwindlig, idiotisch;…

Zwar geniesst kultisches Läuten einen weit höheren Schutz wie kultloses Läuten oder der Zeitschlag. Das heisst aber nicht, dass Gerichte nicht Dauer oder Lautstärke eines kultischen Läutens einschränken können. Die IG Stiller empfiehlt die kultischen Läuten pro Anlass nicht länger wie 5 Minuten dauern zu lassen.

Natürlich wäre es cooler, wenn der Mann würdevoll glockenläutend in die Messe gegangen wäre – anstatt den Pfarrer einfach anzuschreien. Aber unter Lärm reagieren wir Lärmsensiblen nicht immer rational.